Die hohe Kunst ein Stuhl zu bauen

Veröffentlicht auf von Angelika

Heute ist Feiertag, und es ist schlechtes Wetter in Katalonien. Leider, denn die ersten Touristen sind da und haben sich eigentlich auf Sonne gefreut. Ich beschließe trotzdem ins "Grüne" zu fahren und Lluis, einen alten und Stuhlmacher und Freund in
Falcet de Ter, Richtung Santa Coloma de Farners und Anglés zu besuchen.
Der Ort ist altertümlich, hat einen kleinen Fluss und da ich länger nicht mehr dort war verlaufe ich mich prompt. Aber man kennt Lluis und bringt mich zu ihm. Er freut sich riesig mich zu sehen und macht eine Flasche Rotwein auf. Stellt Käse auf den Tisch und zeigt mir stolz seine neuen Objekte.
LLuis würde nicht von sich behaupten, daß er ein Künstler sei, sondern ein Handwerker. Doch wer ihn bei der Arbeit beobachtet, sieht gleich mit welcher unglaublichen Kunstfertigkeit Lluis aus dem Holz der Kastanie die eleganten, geschwungenen Formen eines Stuhls tischlert. LLuis ist für uns ganz gewiß ein Künstler und ein großer Kenner des Holzes. Er ist ein Stuhlmacher. Und jeder Stuhl und jeder Sessel, den er aus dem Holz des Kastanienbaumes fertigt, hat seinen ganz besonderen Charakter, ist ein unverwechselbares Einzelstück.
Lluis kann von jedem seiner Stühle genau sagen, wie er sich von den anderen unterscheidet und worin seine Beonderheit besteht. Nach längerem Hinschauen und Studieren erkennen auch wir den Unterschied. Während wir zusammen in der Runde sitzen, erklärt uns Lluis genau, worauf es ankommt, damit ein Stuhl nicht nur schön aussieht, sondern auch bequem ist. Für alle seine Stühle und Sessel nimmt er ausschließlich das Holz der Kastanie. Kein anderes Holz ist so flexibel wie Kastanienholz, sagt er. Wer ihm bei der Arbeit zusieht, kann sich nur wundern und staunen über die Fingerfertigkeit und die Art, wie er einen Stuhl fertigt. Das Holz wird in seinen Händen
flexibel und elastisch, als sei es aus Gummi. Er biegt und dreht es, als sei überhaupt kein Widerstand vorhanden. Nein, das ist doch kein Holz, denken wir und probieren es selber, doch in unseren Händen bleibt das Holz hart, starr und unbeweglich. Uns gelingt es nicht ein bißchen, das Holz zu biegen.
LLuis lacht, als er unsere vergeblichen Versuche sieht und erzählt, wie er als Kind seinem Großvater bei der Arbeit zugesehen hat. Sein Großvater hat ihm alles über die Kunst, einen guten Stuhl zu bauen, beigebracht. Die Stuhltischlerei ist ein Handwerk mit uralter Tradition. Mit seinem Großvater streifte Lluis durch die Wälder in der Umgebung se
ines Dorfes, um die besten Kastanienbäume auszuwählen. Denn mit der Wahl des richtigen Baumes fängt die Kunst an. Man muß verstehen, wie der Baum gewachsen ist, um das richtige Holz für einen guten Stuhl zu finden.
Besuchen Sie doch Luis einmal in seiner Werkstatt. Er wird ihnen das alles viel besser erklären können als ich.






Lluis Werkstatt befindet sich in Falcet de Ter, Richtung Santa Coloma de Farners und Anglés. Falcet de Ter ist heute noch ein Dorf der Möbeltischler und in den alten Gassen riecht es nach Holz und Leim. Leider stirbt auch dieses alte Handwerk aus, sagt Lluis, denn auch in seinenm Dorf sind viele Handwerksbetriebe von der Industrie verdrängt worden. Doch ihn scheint das noch nicht zu bedrängen. Noch hat er viele Kunden, die einen handgemachten schönen Stuhl oder Sessel zu schätzen wissen.

Kommentiere diesen Post